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Arm und Reich

Kinderarmut in Deutschland

von Thomas Klaas

Der März dieses Jahres hat gleich zwei Berichte hervorgebracht, die sich intensiv mit dem Thema Armut beschäftigen. Am 1. März 2005 veröffentlichte die UN Organisation UNICEF eine Internationale Vergleichsstudie zum Thema Kinderarmut. Genau einen Tag später verabschiedete die Bundesregierung den Zweiten Armuts- und Reichtumsbericht.

Beide Studien bieten zwar auf den ersten Blick keinen Ansatz eines Vergleiches, da sich UNICEF allein auf die Lebenssituation von Kindern im internationalen Vergleich bezieht, während die Bundesregierung in ihrem vorliegenden Bericht einen umfassenden Überblick über die Armuts- und Reichtumsverhältnisse aller Bevölkerungsteile in Deutschland vorlegt. Dennoch ist es interessant, die Aussagen beider Studien miteinander zu vergleichen, da wo sich Ansätze dazu bieten.

So kommt die Bundesregierung in einer grundsätzlichen Einschätzung zu dem Ergebnis, dass Deutschland „…zu den EU-Ländern mit der niedrigsten Armutsrisikoquote (Deutschland: 11%; Durchschnitt EU-15: 15%)" gehört. „Der deutsche Sozialstaat ist bei der Bekämpfung von Armut insgesamt erfolgreich, seine sozialen Sicherungssysteme funktionieren…". Darüber hinaus stellt sie fest, dass das Risiko  für Einkommensarmut unter Kindern bis unter 16 Jahre sowohl 1998 als auch 2003 etwas höher liegt als in der Gesamtbevölkerung. Demnach wurde „… das Armutsrisiko von Kindern ... durch Familienleistungen um 9 Prozentpunkte gesenkt." Ganz anders die Einschätzung von Unicef. Die Organisation der Vereinten Nationen kommt – die Kinderarmut betreffend – zu einem etwas anders lautenden Gesamturteil: „In Westdeutschland hat sich Kinderarmut seit 1989 demnach mehr als verdoppelt - von 4,5 Prozent auf 9,8 Prozent in 2001. In Ostdeutschland hat sich der Anteil armer Kinder auf 12,6 Prozent in 2001 erhöht. Zwar reduziert die Bundesregierung durch Kindergeld, Steuererleichterungen und andere sozialpolitische Maßnahmen die Kinderarmut erheblich. Doch sie tut weniger als andere Staaten und das mit nachlassender Wirkung."

Einigkeit zeigen die beiden vorliegenden Berichte hinsichtlich der Folgen, die Alleinerziehende und ihre Kinder tragen müssen. So stellt die Bundesregierung z. B. fest, dass sich bei alleinerziehende Frauen die Armutsrisikoquote ein Jahr nach der Trennung nahezu verdoppelt hat. Und auch Unicef stellt fest, dass 40 Prozent der Kinder Alleinerziehender von Armut betroffen sind. Weit auseinander liegen Bundesregierung und Unicef jedoch bei der Bewertung der Maßnahmen, dieser Entwicklung gegenzusteuern. Während die Bundesregierung die Überzeugung vertritt, dass die existierenden Familienleistungen (Kindergeld, Erziehungsgeld, Unterhaltsvorschuss und BAföG) ein wirksames Mittel zur Senkung der Einkommensarmut von Alleinerziehenden sind, stellt Unicef fest: „Zwar reduziert die Bundesregierung durch Kindergeld, Steuererleichterungen und andere sozialpolitische Maßnahmen die Kinderarmut erheblich. Doch sie tut weniger als andere Staaten und das mit nachlassender Wirkung. Die Folge: Kinderarmut steigt in Deutschland schneller als die Armutsrate im Schnitt der Bevölkerung und Kinder sind häufiger arm als Erwachsene."

Ein weiterer interessanter Aspekt, den beide Studien aufgreifen, ist die Frage der Dauer der Armut. Während die Bundesregierung zu dem Ergebnis kommt, dass ein erhöhtes Armutsrisiko kein permanenter Zustand ist und dass im Zeitraum der Studie zwischen 1998 und 2003 etwa ein Drittel der Betroffenen die Armutsrisikogrenze überschritten hätten, stellt Unicef im Hinblick auf die Kinder fest, dass insbesondere für die Kinder Alleinerziehender gilt, dass sie nicht nur häufiger arm sind, sondern es auch über einen längeren Zeitraum bleiben. „Ihre Chance, der Armut wieder zu entkommen, liegt deutlich niedriger als bei allen anderen untersuchten Bevölkerungsgruppen."

Interessant ist darüber hinaus, dass in beiden Studien darauf hingewiesen wird, dass gilt, Augenmerk nicht nur auf die materielle Armut zu legen, sondern verstärkt zu berücksichtigen, welche zusätzlichen Folgen Armut für die Betroffenen hat (z. B. Erziehung und Bildung. gesundheitliche Probleme - verursacht durch falsche Ernährung und Bewegungsmangel, mangelnde Konzentrationsfähigkeit,  Leben in beengten Wohnverhältnissen und vernachlässigten Stadtteilen mit schlechten Schulen und unzureichenden sozialen Angeboten) und dass sich aufgrund der schlechteren Bildungschancen die Gefahr eines Kreislaufs ergibt, der nicht oder nur unter größten Anstrengungen zu durchbrechen ist.

Die beiden Studien liegen jeweils in einer Kurzversion und einer ausführlichen Fassung (im Falle der Unicef-Studie leider lediglich englischsprachig) vor. Wer also über diese kurze Darstellung hinaus an Informationen aus den beiden Studien interessiert ist, kann beide Berichte im Internet unter den folgenden Adressen erhalten:  http://www.unicef.de und http://www.bmgs.bund.de

04/2005

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