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Die NRW-Landesregierung hat im Januar 2006 grünes Licht für den Aufbau von Familienzentren gegeben und ist nach eigenem Bekunden damit ihrem Vorhaben, Nordrhein-Westfalen zum kinder- und familienfreundlichsten Bundesland in Deutschland zu machen, einen Schritt näher gekommen. Die bis März 2007 andauernde Pilotphase sieht vor, in jedem der 178 nordrhein-westfälischen Jugendamtsbezirken eine besonders geeignete Kindertageseinrichtung zu einem Familienzentrum weiterzuentwickeln. Das langfristige Ziel der Landesregierung ist die flächendeckende Einführung von Familienzentren in ganz NRW.
Doch was ist ein „Familienzentrum"? Eine konkrete Ausgestaltung liegt seitens der Landesregierung noch nicht vor, die Zielsetzung, die mit der Einrichtung dieser Zentren verfolgt wird, ist jedoch klar: neben den bisherigen Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungsaufgaben, die die Kindertageseinrichtung – im Volksmund noch immer gerne Kindergarten genannt – schon heute erfüllt, sollen die neuen Familienzentren darüber hinaus zum Knotenpunkt eines familienorientierten Netzwerkes ausgebaut werden, in dem nicht nur die Kinder, sondern im Idealfall die ganze Familie umfassend beraten und unterstützt werden kann. Kindertagesstätten sind aus Sicht der Landesregierung für dieses Vorhaben besonders geeignet, sind sie doch üblicher Weise wohnortnah gelegen und bieten den Rat- und Hilfesuchenden aufgrund der Tatsache, dass die allermeisten Menschen in ihrem Leben bereits Kontakt zur KiTa bzw. zum Kindergarten hatten, die Möglichkeit, einen Erstkontakt ohne die Überwindung großer Hemmschwellen aufnehmen zu können. Experten sprechen in diesem Zusammenhang aus diesem Grunde von „niedrigschwelligen Begegnungsorten".
Neben der Ursprungseinrichtung, der KiTa, sollen für den Auf- und Ausbau des Familienzentrums weitere Kooperationspartner gewonnen werden, um neben einem Grundstandard (dazu zählen Angebote zur vorschulischen Sprachförderung, Unterstützung bei der Vermittlung von Tagesmüttern und –vätern, Kooperation mit den örtlichen Familienberatungsstellen und Familenbildungsstätten) ein zusätzlich weites Spektrum an lokalen, bedarfsorientierten Hilfsangeboten offerieren zu können. Nicht nur der Vielfalt wegen wird daher der Kreis der möglichen Kooperationspartner möglichst offen gehalten: von den klassischen Angeboten der Familien(selbst)hilfe bis hin zum ehrenamtlichen – sprich kostenneutralem – Engagement soll alles möglich sein.
Die NRW-Landesregierung kann im Umfeld der Familienzentren auf die Erfahrungen auf ähnliche Einrichtungen auch in anderen Bundesländern und im benachbarten europäischen Ausland zurückgreifen (eine große Vorreiterrolle spielen die britischen „Early Excellence Centres", die als altersübergreifende Kindertagesstätten arbeiten und Übermittags- und Nachmittagsbetreuung auch von Schulkindern ebenso bieten wie offene Mütter- und Kleinkindbetreuung, Eltern-Kind-Angebote, Spiel- und Krabbelgruppen, Familentreffs sowie Angebote der Erwachsenenbildung, Erziehungs- und Gesundheitsberatung). Als praktikabel haben sich drei unterschiedliche Praxismodelle erwiesen, die auch die NRW-Landesregierung vorschlägt:
Modell „Unter einem Dach": Das Angebot der Familienzentren ist in dieser Modellvariante tatsächlich „unter einem Dach" – d. h. in den Räumlichkeiten der einstigen KiTa – zusammengefasst. In der Regel lassen die räumlichen Gegebenheiten in den KiTas die Umsetzung eines solchen Modells nicht zu.
Modell „Lotse": Beim Lotsenmodell übernimmt die Kindertageseinrichtung die Vermittlerrolle zwischen Ratsuchendem und hilfegebenden Diensten und Organisationen. Die KiTa koordiniert die eigenständig arbeitenden, aber miteinander kooperierenden Partner.
Modell „Galerie": Ein Familienzentrum nach diesem Zuschnitt bietet eine Auswahl von Diensten an, die sich nach dem konkreten Bedarf vor Ort richtet. Einzelne erweiterte Angebote des Familienzentrums können in den Räumen des Familienzentrums zu finden sein, während andere außerhalb dieser Einrichtung zu finden sind, vorzugsweise jedoch im unmittelbaren Umfeld.
Neben den durchaus attraktiven Perspektiven, die sich mit der Gründung von Familienzentren bieten, gibt es einige gravierende Mängel, die einer schnellsten Korrektur bedürfen:
Die großzügig erwähnten 2,5 Mio. Euro, die den Familienzentren bis Ende 2007 zur Verfügung stehen sollen, bedeuten zunächst keinen einzigen Cent zusätzliche finanzielle Mittel für die einzelne Einrichtung. Sie dienen im Wesentlichen der Finanzierung einer wissenschaftlichen Begleitung und der Bildung von so genannten Kompetenz-Teams – also etwas, von dem unmittelbar ausschließlich die auf der Suche nach einem ganzheitlichen Konzept befindliche Landesregierung profitieren wird und lediglich in zweiter Linie die Familienzentren.
Betrachtet man die im Gesetz über Tageseinrichtungen für Kinder (GTK) geplanten Kürzungen des Betriebskostenzuschusses durch das Land an die Kommunen um jährlich ca. 104 Mio. Euro (das entspricht ca. 11% Kürzung gegenüber dem Vorjahr) so erscheinen die Mittel, die die Landesregierung für die Familienzentren ausgeben will, verschwindend gering. Auch die Kürzungen im Landesjugendplan von 96 Mio. Euro auf 75 Mio. Euro sowie die knapp 3 Mio. Euro Kürzungen im Bereich der Familienhilfe und –Bildung lassen das Ziel des kinderfreundlichen Nordrhein-Westfalens in weite Ferne rücken und scheinen eher kontraproduktiv zu wirken, sollen doch jene Organisationen und Vereine, die man soeben über drastische Kürzungen der Mittelzuweisungen informiert hat, als neue Kooperationspartner in den Familienzentren ehrenamtlich zusätzliche Aufgaben übernehmen.
Die zusätzlichen Aufgaben, die die bisherigen KiTas übernehmen sollen, bedeuten zusätzliche Kompetenz, zusätzlichen Aus- und Weiterbildungsbedarf und zusätzliche Arbeitszeit der betroffenen Mitarbeiter – all dies ist nicht ohne zusätzliches Geld zu bekommen. So groß das Interesse von Kooperationspartner auch sein mag, sich in ein Familienzentrum einzubringen: Viele vom Ehrenamt abhängige Organisationen, z. B. der Selbsthilfe, werden schnell an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit stoßen, sollte es keine Pläne für einen finanziellen Ausgleich durch die Landesregierung geben.
Übrigens: der VAMV hat sich entschieden, lieber vom „Kinder- und Familienzentrum" zu sprechen. Dieser Begriff wird der Tatsache, dass neben der Familie nach wie vor auch das einzelne Kind im Mittelpunkt der Bemühungen dieser neuen Einrichtung stehen sollte, am ehesten gerecht!
03/2006
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